Haltung kostet. Und ist alternativlos.
Mein Handy vibrierte, mitten im Workshop. Ich sah seinen Namen auf dem Display und dachte: Das kann nichts Gutes bedeuten. In der Mittagspause rief ich zurück.
Seine Stimme klang zerrissen. Das Budget sei überraschend reduziert worden, sagte er. Ob ich irgendwo kürzen könnte? Ich spürte, wie sehr er hoffte, dass ich Ja sagen würde. Dass wir einen Weg finden würden. Wir hatten wochenlang geplant, vorbereitet, auf diese Zusammenarbeit hingearbeitet.
Ich sagte ihm, ich melde mich am Nachmittag. Dann saß ich in meinem Büro und rechnete. Überlegte. Aber egal, wie ich es drehte: Ohne die Follow-ups würde das Teamcoaching nicht funktionieren. Ich wusste es. Aus Erfahrung.
Ich schrieb ihm eine Mail und sagte den Auftrag ab. Höflich, klar, mit furchtbar schlechtem Gewissen.
Eine Woche lang hörte ich nichts von ihm. Stille. Ich fragte mich, ob ich einen Fehler gemacht hatte. Ob ich zu hart gewesen war. Zu prinzipientreu.
Dann meldete er sich. Er hatte Zeit gebraucht, seinen Ärger zu verarbeiten, schrieb er. Und er verstand meine Entscheidung.
Warum ich das erzähle? Weil dieser Moment mir zeigte: Teams wirksam zu führen beginnt damit, sich selbst zu führen. Und genau da lag ich in diesem Moment im Clinch mit mir selbst.
Ich wusste doch, dass es ohne Follow-ups nicht funktionieren würde. Dass genau da die eigentliche Arbeit beginnt – im Alltag der Teams.
Und trotzdem dachte ein Teil von mir: Vielleicht geht’s ja doch. Vielleicht reicht es diesmal. Vielleicht bin ich zu streng. Aber dann fragte ich mich: Welcher Teil von mir entscheidet hier gerade? Der Teil, der es allen recht machen will? Oder der Teil, der weiß, was wirklich nötig ist?
Haltung kostet. Sie kostet Aufträge, manchmal Sympathie, manchmal Beziehungen. Aber Haltung aufzugeben, kostet mehr – nämlich die eigene Glaubwürdigkeit.
Integrität bedeutet für mich: Ich biete nur an, wovon ich überzeugt bin. Auch wenn’s unbequem ist.
Und genau diese Haltung brauchen Teams in ihrer Zusammenarbeit auch.
Was hilft?
Erstens: Unbequeme Wahrheiten aussprechen. Teams, die sich weiterentwickeln wollen, brauchen die Klarheit zu sagen: „So funktioniert das nicht“ – statt einfach mitzumachen und zu hoffen, dass sich Probleme von selbst lösen. Das braucht Courage, ich weiß. Doch, es lohnt sich. Und ich weiß auch, ich wiederhole mich. Mein Alltag zeigt mir jedoch, ich kann es scheinbar nicht oft genug sagen.
Zweitens: Vereinbarungen einhalten – auch wenn’s anstrengend wird. Integrität im Team bedeutet: Wir ziehen durch, was wir vereinbart haben. Auch wenn das Alte, der bisherige Weg bequemer wäre. Auch dann, wenn gerade niemand hinschaut.
Drittens: Dranbleiben im Alltag. Die größte Herausforderung liegt nicht darin, gute Ideen zu entwickeln. Sie liegt darin, diese Ideen im hektischen Alltag umzusetzen – dort, wo der Druck steigt, die Zeit knapp wird und alte Routinen wieder greifen. Echte Entwicklung braucht Follow-ups, Reflexion und den Mut, auch mal Nein zu sagen.
Ich hatte den Auftrag verloren und das schmerzte. Wirklich. Und gleichzeitig spürte ich diese Erleichterung. Ich hatte richtig entschieden.
Und manchmal frage ich mich: Wie gehen andere damit um? Wann lagen Sie zuletzt im Clinch mit sich selbst – zwischen dem, was einfacher wäre, und dem, was Sie für richtig halten?
Schreiben Sie mir. Ich freue mich auf den Einblick in Ihren Alltag.
