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Katrin Habermann-75 Kopie

Damit habe ich nicht gerechnet.

Letzte Woche saß ich in einer Zaubershow. Reihe 12, Platz 2. Und ich hatte einen Wunsch: Ich wollte auf die Bühne.

Zu Beginn der Show flogen Gegenstände durchs Publikum – wer einen fing, durfte mitmachen. Ich ließ meine Hände unten. Zu früh. Zu beliebig. Die Tricks danach? Naja. Eher lahm.

Dann, zur Mitte der Show, liefen die Zauberer durch die Reihen. Musterten Gesichter. Testeten Reaktionen. Zwei Reihen vor mir wurde eine Frau angesprochen – ich beobachtete genau. Mein Puls beschleunigte.

Und plötzlich – zack – schob sich mir das Mikrofon vors Gesicht. „Wie heißt du?“ Ich antwortete. Er musterte mich kurz. Dann: „Komm mit.“

Auf der Bühne wurden mir die Augen verbunden. „Heb immer den linken Arm, wenn du eine Berührung spürst“, erklärte der Zauberer. Ich hob den Arm. Das Publikum lachte. Ich hob ihn wieder. Mehr Gelächter. Später erfuhr ich: Niemand hatte mich berührt. Aber ich hob den Arm synchron mit Oliver, dem anderen Freiwilligen – obwohl ich ihn nicht sehen konnte. Es war magisch. Und verdammt lustig.

Was das mit Ihrem Team zu tun hat?

Ich begleite ein Team durch einen tiefgreifenden Veränderungsprozess. Die Aufgaben der Mitarbeitenden werden sich radikal wandeln – manche verlassen dabei ihre Komfortzone nicht freiwillig, sondern werden regelrecht hinauskatapultiert. In solchen Phasen entstehen Unsicherheiten. Ängste. Fragen, auf die es heute noch keine Antworten gibt.

Wir diskutierten im letzten Termin über Chancen und Risiken. Ich versuchte bewusst, beiden Perspektiven Raum zu geben – und gleichzeitig Zuversicht zu verankern. Denn bei Veränderungen gibt es immer Menschen, die absichern wollen, manchmal auch unbewusst den Fortschritt bremsen. Und andere, die vorangehen möchten. Die gestalten wollen.

Und dann geschah etwas Bemerkenswertes.

Felix*, ein Mitarbeiter, der sich bisher eher zurückgehalten hatte, lehnte sich plötzlich nach vorne. Seine Stimme klang entschlossen, fast erleichtert: „Ich möchte Zugpferd sein. Lasst mich an Position 3 mitziehen.“

Es war, als hätte er diesen Satz schon lange in sich getragen. Als hätte er nur auf den richtigen Moment gewartet, ihn endlich auszusprechen. Die anderen im Team? Überrascht. Bewundernd. Und sichtlich beeindruckt.

Ich hatte diesen Moment kommen sehen. Hatte seine Körpersprache beobachtet, sein zunehmendes Engagement gespürt. Und ich hatte ihm den Raum gegeben – für Zweifel UND für Mut. Die Brücke gebaut. Felix ist dann selbst drübergegangen

Genau das ist der entscheidende Punkt.

Bei Veränderungen sehen sich viele Führungskräfte damit konfrontiert, alle Fragen beantworten zu müssen. Jede Eventualität zu klären, damit die Unsicherheit verschwindet. Das Problem dabei: Dann betreten wir die Brücke nie. Dann springen wir nie ab. Dann verpassen wir den Moment, in dem unsere Mitarbeitenden bereit sind.

Der Zauberer erkannte bei mir etwas, lange bevor ich ausgewählt wurde. Felix war bereit, lange bevor er es aussprach. Als Führungskraft ist es unsere Aufgabe, solche Momente zu erkennen. Die Hand zu reichen. Die Brücke zu bauen.

Aber drübergehen? Das müssen sie allein.

Was hilft?

Beobachten Sie die Körpersprache. Wer sich nach vorne lehnt, intensiven Blickkontakt sucht oder plötzlich lebhafter wird, signalisiert oft Bereitschaft – auch wenn die Worte noch fehlen. Sprechen Sie diese Person gezielt an.

Schaffen Sie sichere Experimentierräume. Menschen wagen den Schritt eher, wenn klar kommuniziert ist: Hier ist Lernen wichtiger als Perfektion. Sagen Sie es laut: „Wir kennen nicht alle Antworten. Aber wir finden sie gemeinsam.“

Erkennen Sie den Unterschied zwischen Zögern und Ablehnung. Manche brauchen mehr Zeit. Geben Sie sie ihnen – aber halten Sie die Tür offen.

Veränderung braucht keine Zwangsrekrutierung. Sie braucht Freiwilligkeit. Und Führungskräfte, die den richtigen Moment erkennen – und dann handeln.

Wir können Menschen nicht tragen. Nicht über die Brücke zerren. Aber wir können ihnen Brücken bauen. Ihnen signalisieren: „Ich sehe Sie. Ich traue Ihnen das zu. Und ich bin hier, wenn Sie bereit sind.“

Den Rest? Den machen sie selbst.